Delta Green ist das Rollenspiel zwischen Cthulhu, Akte X und Verschwörungstheorie. Es handelt von kosmischem Horror in unserer Zeit und ist deshalb weitaus gruseliger als Call of Cthulhu.
1997 erschien ein Delta-Green-Quellenband für Call of Cthulhu. Seit 2016 ist Delta Green ein eigenständiges Rollenspiel, das von Arc Dream Publishing herausgegeben wird und deren deutsche Ausgaben von Ulisses Spiele gemacht werden.
Bei Ulisses gibt es aktuell schon das «Agentenhandbuch», das «Handbuch der Einsatzleitung», eben jenes Quellenbuch von 1997 namens «Die Verschwörung» in überarbeiteter Form und zwei Abenteuer-Anthologien. Bald erscheint auch «Eine Nacht in der Oper», eine Delta-Green-Kampagne, die von Kennern immer wieder als kleines Meisterwerk genannt wird.
Das richtig grosse Meisterwerk soll allerdings «Impossible Landscapes» sein. Dieses wunderschöne und fette Buch, welches ich auf Englisch besitze und noch nicht komplett gelesen habe, soll eine der besten Kampagnen sein, die in der jüngsten Zeit erschienen ist. Wer weiss, vielleicht kommen wir auch da noch in den Genuss einer deutschen Übersetzung?
Das ist Delta Green
Delta Green ist nicht bloss der Name des Rollenspiels, sondern auch der Name einer geheimen Organisation. Diese besteht aus Spezialagenten, Militärs, Wissenschaftlern, Astronauten und mehr. Also aus all jenen Personen, die sowieso schon für die Regierung arbeiten und die irgendeine besondere Ausbildung haben, um das Paranormale und das Ausserirdische zu bekämpfen.
Dabei hat die Spezialeinheit Delta Green keine richtige Form und es darf auch nicht über sie gesprochen werden. Sie ist so «top secret», dass sie sich als FBI oder DEA tarnen muss. Personen, die zu viel wissen und das nicht für sich behalten können, laufen Gefahr, spurlos zu verschwinden. Die Aufgabe von Delta Green sind Operationen, um die Welt vor Schlimmerem zu bewahren. Dabei kommt es oft vor, dass DG-Agenten sich für «the greater good» aufopfern.
Das System von Delta Green
Das Rollenspiel Delta Green nutzt, wie Call of Cthulhu, das System Basic Roleplaying. Es gibt ein paar Unterschiede, im Grossen und Ganzen ist es aber ein Prozent- und Fertigkeitensystem, wie Cthulhu-Spielende es kennen.
Ein kritischer Erfolg ist ein Pasch das unter dem Zielwert der Fertigkeit liegt, ein kritischer Patzer ein Pasch über dem Zielwert.
Die Sache mit dem Horror
Was bei vielen abgestumpften Cthulhu-Spielenden nicht mehr gut funktioniert, wird bei Delta Green neu entfacht. Denn die 1920er kennen wir nur als plakative Karikatur dessen, was sie waren. Niemand von uns kennt das damalige Lebensgefühl aus eigener Erfahrung. Und… wir alle sind von Horrorfilmen, Superheldengeschichten und Streamingserien so desensibilisiert, dass wir uns als Helden sehen.
Neulich behauptete eine Dame in einem Forum, Fischmenschen würden doch kein Kleinkind mehr erschrecken. Wo da eigentlich der Horror bliebe. Kann ich schon verstehen. Wenn du Anime-Konsumentin bist, Horrorfilme magst und dir alle Konsolen-Metzel-Games der letzten zwanzig Jahre reingepfiffen hast, dann sind Fischmenschen schon ziemlich lahm. Bei Lovecraft, Cthulhu und Delta Green geht es allerdings nicht um Slasher-Splatter-Chainsaw-Massacre, sondern um Immersion im Rollenspiel.
Exkurs
Versetze dich hinein, stelle dir nicht vor, was du sonst schon an Geschichten und Grausamkeiten gesehen hast, sondern, was du im echten Leben schon erlebt hast. Und dann stelle dir vor, wie du in Italien am Strand sitzt, einen Aperol schlürfst, der Strand sich geleert hat, die Sonne langsam untergeht, es wird kühl und du bist die einzige, die noch im feuchten Sand sitzt. Eine kühle Brise kommt auf, als sich im Wasser etwas bewegt. Es muss etwas Grosses sein. In der Dämmerung ist es allerdings nicht zu erkennen. Stell es dir wirklich vor. Nicht wie im Film. Du bist da.
Ein Delphin? Ein Hai vielleicht? Zum Glück ist man nicht im Wasser. Jetzt ist es absolut still, selbst die Möwen haben aufgehört. Da ist es wieder! Aufgewühltes Wasser, ein Klatschen. Und plötzlich erhebt sich langsam etwas aus dem Wasser, das wie ein Kopf aussieht. Kein menschlicher Kopf. Es hat keine Haare und eine graue, glibberige Haut. Es richtet sich langsam auf, geht auf zwei Beinen. Es bewegt sich viel zu schnell, genau in deine Richtung. Bald wird es hier sein. Panisch schaust du hinter dich zur Promenade hoch, in der Hoffnung, dass jemand anderes diesen schaurigen Moment mit dir teilt. Jemand, der dir versichert, dass du nicht den Verstand verlierst.
Aber da ist keiner! Du blickst wieder zum Strand. Die Kreatur hat dich erreicht. Seine ausdruckslosen Augen sind riesig und starren ziellos in deine Richtung. Jetzt macht es ein übelkeitserregendes Geräusch. Noch bevor du dein Glas in den Sand geworfen hast und aufstehen kannst, hat das Monster dich erwischt. Ein zuckender Schmerz in der Bauchgegend, ein schmatzendes Geräusch. Als sein Mund sich öffnet, siehst du zwei Reihen aus Dutzenden rasierklingenscharfen Haifischzähnen, die sich in deinem abwehrenden Unterarm festbeissen.
Delta Green ist beklemmend
Wenn ich mir das nicht als Erzähler, sondern als tatsächliches Erlebnis vorstelle… Als die Geschichte, die du nach dem Urlaub zu erzählen hast… Horror! Aber dies nur als Beispiel. Jedenfalls funktioniert das (bedauerlicherweise) bei vielen Menschen nicht mehr; weil sie eine Distanz zwischen sich und schrecklichen Dingen schaffen, sich abgrenzen und stumpf werden.
Delta Green schafft es hingegen, diese Distanz wieder zu verringern. Weil alles „Normale“ so bekannt ist. Es ist hier und heute. Es gibt Computer und Autos und Mobiltelefone, es sind Polizisten und U-Boote und Special Forces, die heute und hier um die Ecke kommen könnten. Selbst die Vorkommnisse und Antagonisten sind moderner als noch bei Lovecraft, auch wenn so manches einem Cthulhu-Spieler bekannt vorkommen könnte.
Foller Vehler
Ich kann das Folgende nicht über alle Bücher sagen. Besonders aufgefallen ist mir das bei der grossartigen Abenteuer-Anthologie «Kontrollgruppe». Es gibt bestimmt auch dazu bald eine Rezension hier auf Penandpaper.blog. Es gibt so manche Übersetzungsfehler darin. Nein, nicht Rechtschreibfehler und Typos, sondern unsaubere Übersetzungen, überzählige Wörter etc. Das ist schade. Denn diese Bücher sehen layout-technisch so aufwendig aus, enthalten so detailliert ausgearbeitete Szenarien und machen so Bock auf Gänsehaut, dass diese Schreibfehler mich jedes Mal aus dem Konzept bringen, als hätte mir beim Lesen jemand ein Bein gestellt. Ulisses, sagt Bescheid: Ich bin beim nächsten Buch gerne behilflich beim Lektorieren.
Fazit
Delta Green ist nicht für Jedermensch. Es ist das Spiel, das etwas mit dir macht. Wie die Amis sagen: «It really messes with your brain.» Da wirst du noch etwas zu beissen und nachzudenken haben, auf der Heimfahrt, im Bett, am nächsten Tag bei der Arbeit. Zumindest geht mir das so. Und das macht die Magie von Delta Green aus. Es geht tiefer als Tails of Equestria, Das Schwarze Auge und Dungeons & Dragons. Es ist nicht nur eine gute Zeit am Spieltisch und etwas Barbiespiel zwischendurch. Es geht an Grundsatzdiskussionen mit dir selbst. Unschöne Situationen, die dir Urteilsvermögen, Ausweglosigkeit, ethisch-moralische Entscheidungen und persönliche Standortbestimmungen abverlangen, die anstrengend, unschön, aber auch interessant sein können.
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