Ein One-shot vom Meister höchstpersönlich. Kurz, gerade, stimmungsvoll, spannend. Twists gibt es nicht, aber eine schauerliche Stimmung.
Das Abenteuer «The Derelict» gabs am «Free RPG Day» von Chaosium. Es ist ein Abenteuer von Sandy Peterson und Mike Mason, beides bekannte Grössen in Sachen Cthulhu-Abenteuer. Auf dem Cover steht denn auch ganz unbescheiden: «By the Godfather of Call of Cthuhlu Sandy Petersen».
Das bekommst du
«The Derelict», zu Deutsch in etwa «Die Verlassene», «Der Verwahrloste», «Das Baufällige», ist in der mordernen Zeit angesiedelt. Nichts 1920. Heute. Cthulhu Now. Das Abenteuer gab es zu seiner Zeit nur als PDF und nur auf Englisch. Jetzt ist es Teil vom Abenteuersammelband «Petersen’s Abscheulichkeiten» und heisst «Das Wrack».
Es kommt mit sechs vorgefertigten Investigatorinnen und Investigatoren, davon zwei weiblich, die alle ganze vier Seiten Charakterwerte und -hintergrund haben. Dazu gehört eine ausführliche Backstory und die Beziehungen untereinander. Etwas, das wundervoll zum Rollenspiel beitragen kann, wie wir von «Der Sänger von Dhol» wissen.
Das Cover verrät in diesem Fall etwas viel, macht aber genau deshalb so viel Bock drauf, es zu spielen. Im Vordergrund ist ein Kutter im Eis festgefahren, während im Hintergrund ein hochhausgrosses Garnelenmonster die Zähne fletscht.
Auf 48 Seiten werden wir hier der Stille, dem Eis und der Einsamkeit preisgegeben.
Ahoi, Matrosen!
Eine Seefahrt, die ist schrecklich… Wir stechen mit einer hübschen Motoryacht in See. Was kann da schon passieren? Von Boston, USA nach Liverpool, England. Es gibt in dem Abenteuer ein schelmisches Detail, das den Spielenden ganz schön zu schaffen machen wird, wenn sie nicht früh dahinterkommen. Ausserdem bemerkenswert: Es wird die «Genfer Konvention» in einer Box zitiert. Seehilfe für ein Boot in Not ist nicht nur Ehrensache, sondern Pflicht!
Das PDF ist voll mit tollen Bordplänen. Macht schon allein deshalb richtig Lust. Für Leute, die nicht gern Räume absuchen (ich kenne solche), ist das Abenteuer nicht besonders gut geeignet. Wer Erforschung spannend findet, weil es spannend ist, wenn es jeden Moment in jedem Raum knallen könnte, der kommt hier auf seine Kosten.

Was folgt ist ein bisschen Alien-RPG-Feeling, nur eben auf hoher See, statt im Weltraum. Das Ende des Abenteuers bleibt denn auch offen. So macht es beispielsweise mein Lieblingsabenteuer «Last Men Standing» auch. Da hast du Ausgangslage – nun mach! Ist nicht immer einfach, die Zügel in der Hand zu behalten, macht aber umso mehr Laune, wenn es klappt. Wenn der Ausgang offen bleibt, kreieren die Spielenden etwas Einzigartigeres, als wenn von Anfang an klar ist, wo es hingehen muss.
Ein neuer Dreh
Je mehr Cthulhu-Abenteuer ich leite, desto öfter Frage ich mich, wie man das Spiel Cthulhu weiterentwickeln könnte. Irgendwann ist genug so getan, als ob niemand wüsste, was kommt. Eine gute Lösung ist die von Delta Green. Die geht so: Wir kennen den Mythos, zumindest ansatzweise, und gehören zu den geheimen Mythos-Bekämpfern der Menschheit. Ziehen die Cthulhu-Investigatorinnen in Zukunft aber nur noch mit der Nuklear-Knarre durch die Lande wie Fantasy-Helden, um dem Bösen Einhalt zu gebieten? Ich bin mir noch nicht sicher, ob das die Lösung ist.
Fazit
«Das Wrack» ist ein sehr launiges Abenteuer, das sehr stimmungsvoll und spannungsvoll, aber schnurgerade ist. Es ist nicht besonders originell, dafür umso schöner ausstaffiert. Für einen schönen One-shot-Abend könnte «Das Wrack genau das Richtige sein. Ich sage es euch, sobald ich es geleitet habe.


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