Sense of wonder

Sense of Wonder im TTRPG

Der «Sense of Wonder» ist das Staunen über Dinge. Eine Eigenschaft, die wir uns in der realen Welt erhalten und die wir im Rollenspiel trainieren können.

Der Haken an der Sache ist, dass wir uns das Staunen desto mehr abtrainieren, je mehr wunderliche Dinge wir konsumieren. Wollten wir alle Zen praktizieren können, müssten wir die Fähigkeit kultivieren, Dinge beobachten, erfassen und wertschätzen zu können. Die Blume am Wegesrand, ein Grashalm, eine Wolke. Stattdessen dröhnen wir uns mit zehnsekündigen Social-Media-Videos zu, bis wir bis Oberkante Unterlippe dopaminisiert sind. Wenn dann jemand fragt, was wir die letzte Stunde so geguckt haben, wird uns bewusst, da blieb praktisch nichts hängen. Nur Entertainment, kein Nährwert.

Deshalb geben wir uns Fantasiewelten. Wir erleben Aussergewöhnliches, Ausserweltliches in Filmen, Büchern und Rollenspielen. Je mehr wir davon konsumieren, desto abgestumpfter sind wir. Es gibt Rollenspieler, die finden EDO-Fantasy langweilig. Weil Zwerge, Elfen und Orks für sie nichts Exotisches mehr haben. Sie sind so normal geworden, wie ihr Nachbar. Darum spielen wir neuestens Orks, statt sie zu bekämpfen.

Wenn gigantische Drachen, gewaltige Armeen, Untote und Zauberei uns nicht mehr zu ängstigen oder begeistern vermögen, dann sind wir definitiv «numb». Dieser Gedanke hier wurde angestossen, als eine Rollenspielerin sich tatsächlich darüber beschwerte, dass Lovecrafts «Kindergeschichten» doch schon lange kein Horror mehr seien. (Ich hatte hier darüber geschrieben.) Und während ich verstehe, was sie meinte, liegt doch genau darin ihr Problem. Unser aller Problem. Das Problem der heutigen Medienwelt.

Was sie meinte, ist: Wir alle haben schon Aliens, Zombies, Drachen, Orks, Magie und Superkräfte gesehen, gehört und «erlebt». Nicht in der realen Welt, aber doch so lebensecht und oft, dass es bald keinen Unterschied mehr macht. Das erste Mal war aufregend. Es war etwas Unbekanntes, das zuerst verstanden werden musste. Jetzt ist es schon vertraut, also nicht mehr aufregend.

Und genau das ist doch das Krumme daran. Denk dir nicht: Ach, Zombies haben die bei «The Walking Dead» doch elf Staffeln lang zu Tausenden weggemetzelt. Ich kenn mich damit aus. Sondern denk dir: Was, wenn heute ein echter Zombie, der in der realen Welt gar nicht existieren dürfte, vor meiner Tür stünde und versuchte, sich gewaltsam Einlass zu verschaffen. Dann wäre das doch kaum auszuhalten aufregend, oder nicht?! Und das wäre nur ein einzelner Zombie. Das ist der «Sense of Wonder», das ist Horror, das ist Immersion.

Der «Sense of Wonder» ist die Fähigkeit, sich das alles lebhaft vorzustellen. Es so zu fühlen, als wäre es das erste Mal, dass man so etwas zu Gesicht bekommt oder erlebt. Denn in der realen Welt wäre es genau das. Dem Hobbit zuzuschauen, wie er durch die Orkhöhlen läuft, ist nicht mehr gruselig, noch nicht mal spannend. Sich vorzustellen, selbst durch diese Höhlen zu laufen, um sein Leben zu laufen, die Scheusale zu hören und zu riechen, das ist gruselig.

Aber nur, wenn man das auch tut. Und wer gibt schon gern zu, dass er etwas gruselig findet, dass der Gedanke ihn fertig macht, dass er vor Staunen kindlich wirkt? Fast keiner. Wir sind krass, stark, mutig, heldenhaft. Wir haben vor nichts und niemandem Angst. Auch wissen wir, dass Vampire Knoblauch nicht mögen, dass Zombies in den Kopf getroffen werden müssen und dass Fischmenschen nur 6 Lebenspunkte haben. Aber unser Rollenspielcharakter weiss das nicht. Und wir würden uns im echten Leben auch dann noch einmachen, wenn wir all das wüssten.

Also machen wir doch einen Schritt zurück. Versuchen wir nicht hart zu sein, sondern empfänglich. Staunen wir und hadern wir, anstatt «alles im Griff» zu haben. Schliesslich gibt Rollenspiel dann mehr her, wenn wir uns den «Sense of Wonder» erhalten. Staunen ist etwas Schönes. Es macht die Welt grossartiger und uns glücklicher. Kultivieren wir doch die Fähigkeit des Staunens – den Sense of Wonder.

Ich möchte erfahren, wenn es neue Artikel gibt!

Kommentare

2 Kommentare zu „Sense of Wonder im TTRPG“

  1. Avatar von Maarzan
    Maarzan

    Ich sehe das mit dem sense of wonder nicht bei der „Angsty“ immersion verortet. Meiner Ansicht nach völlig verschiedene Sachen, doppelt, weil unsere SC durchaus mit so etwas Erfahrung haben können, sind diese Gefahren doch oft genug traditionelle Konflikte ihres direkten Lebensumfelds.
    Ich würde den Blick da eher auf bisher übersehene kleine funktionale Details richten wollen, aber das ist eben Arbeit und genau auch nicht unbedingt ein Bedienen von „mehr Cool-Stuff“.

    1. Avatar von Murphy
      Murphy

      Maarzan, du bist immer so unglaublich schnell…

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