Frankenstein von Guillermo del Toro ist altvertraut und erfrischend neu. Ein alter Stoff, ein neuer Ansatz und der Verzicht auf Computereffekte machen diesen Film sehenswert.
Dieser Film ist wundervoll gemacht. Del Toro ist einzigartig, in dem, was er tut. In einem anderen Stil, aber immer ähnlich wiedererkennbar wie ein Tim Burton oder ein Wes Anderson.
Achtung, viele Spoilers voraus.
Unbestritten ist, dass del Toro eine andere, neue Interpretation von Mary Shelleys Frankenstein gewagt hat. Im eigenen Stil und zum Glück gar nicht so 2025. Der Film gefällt damit, dass er nicht versucht, alles auf die Spitze zu treiben und nur mit CGI-Effekten zu glänzen. Er respektiert das Ursprungsmaterial, wagt sich, es umzusetzen und gleichzeitig etwas Neues zu wagen.
In meiner Kindheit herrschte immer Konfusion über Franksteins Monster und Dr. Frankenstein selbst. Wir alle meinten, das Monster hiesse Frankenstein. Bei del Toros Version kommt dies nun ganz klar heraus und zum Tragen. Das eigentliche Monster ist der grössenwahnsinnige Schöpfer, der ein Lebewesen ungefragt erweckt. Dieses Lebewesen hat den Namen «Lebe-Wesen» mehr als jeder Mensch verdient, denn es kann nicht mehr sterben. Die Kreatur ist jedoch kein Monster, sondern ein vollkommeneres Wesen als die meisten von uns, es ist im Kern gut, rettet erst Leben, statt sie zu nehmen.
Manches ist zu schnell
Manches in Frankenstein von Guillermo del Toro geht einfach zu schnell und wird dadurch unglaubwürdig. Genau, auch Fantasy-Filme können im Rahmen ihrer Welt unglaubwürdig sein.
Der Moment, in dem der Schiffskapitän des dänischen Schiffs viel zu schnell der Geschichte eines im Eis gefundenen Irren horchen und dem Mann glauben will, dessen Tun sechs seiner Männer getötet hat.
Der Moment, wenn die Braut, die am Tag ihrer Hochzeit eine Kugel in den Bauch kriegt, zur Kreatur sagt: «Nimm mich mit.» Gerade wollte sie noch den Mann ihres Lebens heiraten, den glücklichsten Tag ihres Lebens feiern, wusste nicht einmal, dass die Kreatur noch existierte.
Der Moment, als ein alleingelassener alter Mann, der blind ist und in einer nicht abgeschlossenen Hütte für Monate zurückgelassen wird, sich viel zu schnell mit einem unbekannten Eindringling anfreundet. «Komm herein, ich habe keine Angst. Du bist mein Freund.» So wird man üblicherweise nicht alt, wie kurz darauf bewiesen wird.
Manches ist unglaubwürdig
Ich habe so viel «Suspension of Disbelief» hingebracht, dass ich hinnahm, dass eine tote Kreatur tausendmal schnellere Heilungskräfte hat, als ein lebendiges Wesen. Schusswunden wachsen einfach wieder zu. Verletzungen an Organen, selbst am Herzen, sind kein Grund für den Organismus, zu versagen. Keine Ahnung, wie die Kreatur funktioniert, aber sie ist ja eigentlich wieder «am Leben». Von daher wäre ein intaktes Herz schon Voraussetzung dafür. Besonders dann, wenn eine Sichel darin steckt oder eine Kugel es durchschlägt. Da drückte ich noch ein Auge zu.
Wenn die Kreatur am Ende aber sein Schicksal mit einer Stange Dynamit herausfordert, hat das zwar grosse symbolische Kraft, gibt einem aber zu denken. Eine Explosion, bei der die Stange Dynamit in der Hand gehalten wird, führt nicht nur zu ein paar versengten Kleidungsstücken und ein paar Fleischwunden. Da fehlt dann eine Hand. Das geschieht schon bei kleineren Böllern. Und wenn dann Teile fehlen, möchte ich erst einmal sehen, wie der sich wieder zusammensetzt. Er ist ja nicht Sauron.
Ebenfalls ist die Kreatur unglaublich stark, und dies, obwohl sie für ihre Grösse relativ dünn wirkt. Sie ist kein Schwarzenegger. Trotzdem schafft sie es, ohne gute Sohlen auf Eis stehend, ohne Mühe ein im Eis festsitzendes Schiff zu befreien. Das würden drei Elefanten nicht hinbekommen, auch kein Bulldozer, wenn er auf Eis steht. In dem Moment wird die Kreatur auf die Stufe von Superman oder dem Hulk gestellt. Totaler Blödsinn.
Manches ist genial
Die Ausstattung des Turms in Edinburgh ist wundervoll. Die herumliegenden Laubblätter und die Ranken im Innenraum, der Gilb, die Patina. Ein drinnen, das wirkt, als wäre es draussen.
Dann die Szenen mit dem Tod:
- Wie er zu Beginn den Teil eines Körpers zu Vorführungszwecken belebt.
- Die im Hintergrund am Strick tanzenden Gehängten, die Frankenstein für seine Versuche braucht.
- Das Sammeln von getöteten Soldaten auf dem Schlachtfeld.
Manches ist zu viel des Guten
Meistens ist es die Gewalt, die zu viel ist. Der Wolf, der ohne Vorwarnung und lebendig halb gehäutet wird. Der Hüttenbewohner, der innerhalb einer Sekunde den Kiefer herausgerissen bekommt. Das bräuchte es aus meiner Sicht nicht.
Ein elektrischer Funken Genialität
Der oben erwähnte Teilkörper, der zum Leben erweckt wird, ist laut Aussage von Hauptdarsteller Oscar Isaac mit drei Puppenspielern zum Leben erweckt wird, statt CGI zu nutzen. Bis zu elf Stunden verbrachte der andere Hauptdarsteller, Jacob Elordi, in der Maske, bevor der Dreh mit der Kreatur überhaupt beginnen konnte. Unglaublich!
Die Performances aller Schauspieler empfand ich als gut. Diejenige von Elordi als «outstanding» zu bezeichnen, finde ich übertrieben. Er ist zwar wörtlich mit seiner Grösse von 1,97 Meter herausragend, schauspielerisch liefert er jedoch das, was es braucht. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Seine Gesichtszuckungen und Gestiken sind toll, aber auch nicht überwältigend.
Fazit
Am Ende ist der Film ein Meisterwerk von der Darstellung her, der Neuinterpretation, der Umsetzung. Er wirkt aber auch zu sehr «gepusht». Er drückt seinen Inhalt durch, um nicht zu lang zu werden, verliert durch einige Szenen an «Realität», wird unglaubwürdig, wenn man das bei einem Fantasy-Film überhaupt noch sagen darf.
Da fällt mir gerade auf, all die Bezeichnungen, die uns über die Jahre prägten, haben keine Berechtigung mehr: Film (es wird kaum mehr auf Film aufgezeichnet), das gleiche gilt für «den Streifen». Leinwand oder Kino (das Kino geht dem Ende zu, der Film erscheint auf Netflix).
Einzigartig, gelungen, definitiv eine Empfehlung, trotzdem kein Film für die Ewigkeit.


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